Elternkarenz in Schweden

Das Baby ist da – Hurra! Aber wie geht es dann weiter?

Schweden ist berühmt dafür, ein sehr sozialer Wohlfahrtsstaat zu sein. Und das kann ich nach meinen bisherigen Erfahrungen nur bestätigen.

Sobald das Baby geboren ist, stehen dem Vater (oder Partner, gleichgeschlechtliche Eltern sind in Schweden vollwertig anerkannt) gleich mal 10 Arbeitstage Karenz zu. Das sind also 2 Wochen, die beide Elternteile Vollzeit mit dem neuen Familienmitglied verbringen dürfen.

Vom Tag der Geburt bis zum vollendeten 8. Lebensjahr des Kindes, haben die Eltern mal ein Konto von 480 Karenztagen zur Verfügung. Diese können in den 8 Jahren völlig wahlfrei aufgebraucht werden. Sie sind von vornherein auf beide Elternteile gleich aufgeteilt, man kann aber, bis auf 60 Tage, seine Karenztage auf den Partner übertragen. Das bedeutet, wenn ein Partner überhaupt nicht in Karenz geht, verfallen diese 60 nicht übertragbaren Tage. Dieses System hat die Väter sanft in die Karenz gedrängt und heutzutage ist es in der schwedischen Gesellschaft nicht gern gesehen, wenn ein Vater nicht in Karenz geht. Es gibt bei den allermeisten Arbeitgebern überhaupt keine Diskussion, wenn ein Vater eine mehrmonatige Karenz anmeldet. In Linus‘ Firma (IT-Entwicklung), in der hauptsächlich Männer arbeiten, sind immer mehrere Väter in Karenz und auch Linus war mit Emil 4 Monate zu Hause. Das ist auch der Grund, warum auf Schwedens Strassen auch am Montag Vormittag viele Väter mit den Kinderwägen zu sehen sind und sich dann auch mal im Cafe treffen. Sie werden liebevoll „Latte-Papas“ genannt.

Ein weiteres Schmankerl des schwedischen Sozialsystemes ist die Anzahl der Pflegetage, die den Eltern für die Kinder zustehen: Ganze 120 Tage pro Jahr darf jedes Kind krank sein, ohne dass es für die Eltern ein Problem darstellt. Denn hier gilt das Gleiche, wie für die Karenz: Familie geht vor. Da steht auch mal der Geschäftsführer unter der Sitzung auf und holt das Kind im Kindergarten ab, falls es krank geworden ist. Niemand würde auf die Idee kommen, das auch nur im Geringsten zu beanstanden. Kein schlechtes Gewissen von Elternseite, kein Druck, im Krankheitsfall Betreuungspersonen zu organisieren, und keine „verschwendeten“ Urlaubstage, wenn die in Österreich üblichen 10 Pflegetage aufgebraucht sind. Im übrigen können alle näheren Verwandten bezahlten Pflegeurlaub nehmen, auch z.B. die Groβeltern.

In Schweden gibt es eine sehr groβe Behörde, die für alle Familien-, Krankheits- und teilweise auch Arbeitslosenbelange verantwortlich ist: „Försäkringskassan“ oder frei übersetzt: Versicherungskasse. Ausnahmslos alle Menschen, die eine schwedische Personennummer haben (dazu näheres an anderer Stelle), sind dort registriert. Man loggt sich ein und erledigt fast alles übers Internet. Via App kann man auch ganz einfach jederzeit Pflege- oder Karenztage anmelden. Sehr bequem. Allerdings ist Försäkringskassan ein unglaublich groβer Apparat und da kann es dann mal passieren, wenn man an der Hotline anruft, dass man zu hören bekommt: „Danke, dass Du anrufst. Du hast Platz Nr. 478 in der Wartereihe“. Glücklicherweise wird aber ein Rückuf angeboten, das funktioniert dann wieder ganz gut.

Ich denke, diese Fakten sprechen für sich. Es ist ein äuβerst familienfreundliches System, das es beiden Elternteilen ziemlich groβzügig erlaubt, mit der Kleinkindzeit entspannt umzugehen. Das dazu passende Kindergartensystem trägt dazu bei, dass beide Eltern auch relativ früh wieder arbeiten können. Man kann nämlich auch z.B. halbe Karenztage nehmen, d.h. 50% arbeiten (Kinder in Kinderbetreuung) und 50% Karenz (Kinder zu Hause). Alles eine Frage der Einteilung und alles sehr unbürokratisch.

Ich denke, da können sich die meisten Staaten noch viel abschauen. Und wenn auch nicht alles in Schweden optimal läuft, aber bezüglich Familienpolitik muss sich dieses Land nicht viel sagen lassen.

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