Schwanger in Schweden, Teil 1

In Schweden schwanger sein – da muss man mal durch.

Als ich 2010 zum ersten Mal in meinem Leben schwanger wurde, war ich knapp 38 Jahre alt. Ziemlich alt also. Wir hatten gerade ein Haus gekauft, ich hatte einen guten Job, 2 Katzenbabies waren bei uns eingezogen – jetzt fehlte nur noch das Kinderglück und voilá: der Schwangerschaftstest war positiv.

Erste Recherchen ergaben: ich soll mich in einer Hebammenzentrale melden. Das tat ich auch, ich bekam in der 6. Schwangerschaftswoche (SSW) einen Termin bei Hebamme S. Ich möchte im Folgenden das Erstgespräch sinngemäβ wiedergeben:

S: „Herzlich willkommen, schön dass Du da bist. Woher weisst Du, dass Du schwanger bist?“

Ich: „Der Schwangerschaftstest war positiv“.

S: „Gratuliere! Wann war die letzte Regel?“

Ich: „Am x-ten November“

S: „Ah ja, dann ist der berechnete Geburstermin am 20.8.2011. Alles was Du über die Ernährung während der Schwangerschaft wissen musst, findest Du auf der Homepage der Lebensmittelbehörde. Beweg Dich viel, schlaf viel, iss aber nicht mehr. Wir sehen uns in 6 bis 7 Wochen. Noch Fragen?“

„Äähhh… Ultraschall?“

„Wozu?“

„Um nachzuschauen, dass alles in Ordnung ist?“

„Die Fehlgeburtenrate liegt im ersten Schwangerschaftsdrittel bei 10%. Das warten wir ab. Wir haben nicht die Ressourcen, um in dieser Zeit schon nähere Untersuchungen zu machen, wo ja das Risiko so hoch ist. Und dann gibt es eine Ultraschalluntersuchung in der 18. Woche, durchgeführt von einer speziell ausgebildeten Hebamme. Das wars. Dazwischen kommst Du zu mir, wir machen ein paar Blutproben und ich werde Dich jedes Mal abwiegen.“

„Aha. Kein Arzt während der ganzen Schwangerschaft?“

„Nicht, wenn es keine Komplikationen gibt.“

„Aha. Wann beginnt der Mutterschutz?“

„Was meinst Du?“

„Na also, wie lange darf oder soll ich noch arbeiten?“ (Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Aussendienstjob mit einem Gebiet ca. so gross wie Österreich ohne Vorarlberg und Tirol).

„Wir hier in Schweden, wir arbeiten bis zum Tag der Geburt. Ich empfehle aber, 2 Wochen vor dem berechneten Termin Urlaub zu nehmen, weil die letzten Wochen sind schon eher beschwerlich.“

„Ääääaaaahhha.“

Ich war schockiert und plötzlich fühlte sich das Schwangersein nicht mehr so spannend an. Ich fühlte mich sehr allein gelassen. Der Gedanke, keinen Gynäkologen zu treffen, machte mir Angst. Wir haben dann den kombinierten Ultraschall- und Bluttest auf Downsyndrom machen lassen (auch bei einer Hebamme, aber in einer Privatklinik), das Risiko war minimalst, alles ok.

In der 16. Woche flog ich nach Wien zu „meiner“ Gynäkologin, sie untersuchte mich ordentlich und sie konnte auch sehen, dass wir einen kleinen Buben bekommen würden. Ich bin euphorisch bei ihr rausgegangen, diese Betreuung, einfach mal mit einem ARZT reden können! Auf ihre Empfehlung hin habe ich in der 26. Woche in Wien ein Organscreening machen lassen. Die 3D-Bilder von Emil waren schon sensationell und das Wichtigste: Alles war ok!

In Schweden wurde ich dann tatsächlich jedes Mal gewogen. Ich empfand das als erniedrigend, denn ich war schon mit ungefähr 15 kg Übergewicht in die Schwangerschaft gestartet und mir war jeder neue Schwangerschaftskilo peinlich. Vor allem, nachdem S. nach dem ersten Abwiegen konstatiert hatte, dass ich eigentlich eh nichts zunehmen bräuchte. Als ich dann mitten in der Schwangerschaft beim Abwiegen seufzte: „Ach, schon wieder 2 kg mehr“, meine sie nur: „Ja, bei uns gibt es keine freundlichen Waagen“.

Summa summarum war die Betreuung ein Witz. Auch die Diskussionen, die ich wegen dem Toxoplasmose screening hatte:

S: „Wir hier in Schweden, wir machen das nicht, weil das bei uns nicht so häufig vorkommt.“

„Kannst Du mich bitte trotzdem testen? Ich bin Tierärztin, habe 2 Katzen zu Hause und liebe rohe Wurstwaren. Ich bin ziemlich sicher positiv, muss es aber wissen, weil ich ansonsten ein paar Dinge in meinem Leben ändern muss, auf die ich sonst keine Rücksicht nehmen müsste“.

Grosses Geseufze und Gestöhne:“Ich hab das noch nie gemacht, das Formular hab ich noch nie ausgefüllt, das wird aber dauern, blablabla.“ Ich bestand darauf und eine Woche später empfing ich folgende patzige Nachricht auf der Mobilbox: „Die Ergebnisse sind da. Du bist Toxoplasmose positiv, das ist es doch, was Du wolltest!? Melde Dich, falls was ist“.

Die Besuche liefen dann so ab, dass ich immer zuerst gewogen wurde, dann durfte ich kurz erzählen, wie es mir geht, dann hat S. mit dem Holzstethoskop die Herztöne abgehört (manchmal auch mit einem uralten Dopplergerät), hat mit dem Maβband meinen Bauch vermessen (von der ertasteten Oberkante der Gebärmutter bis zum Schambein, um das Wachstum des Babies zu dokumentieren. Leute, das ist kein Scherz) und zum Schluss Buchung eines neuen Termines.

Am 19.8., einen Tag vor dem berechneten Geburtstermin, ein letzter Besuch bei S. Emil machte keine Anstalten rauszukommen. S. untersucht mich wie immer und meint dann:

„Alles ok, wenn er nicht kommt, sehen wir uns in einer Woche wieder.“

„Was? Ich bin ziemlich alt, bist Du Dir sicher, dass das reicht? Ich mein, funktioniert die Plazenta noch? Sollte man das nicht öfters kontrollieren?“

S., grantig: „Na bitte, dann kommst halt in drei Tagen nochmals vorbei.“

Im von mir geforderten Dreitagestakt hat mich S. dann gnädigerweise empfangen, bis am 29.8.2011 endlich Emil im Krankenhaus in Varberg geboren wurde.

Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

 

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